Wir schreiben das Jahr 1972

Eine virtuelle Festschrift

Wir schreiben das Jahr 1972.

Von den insgesamt 18 Sommerlager-Häusern des Evangelischen Jugendwerkes in Österreich – Berghütten, ehemalige Pfarrhäuser, Häuschen am Seeufer, Speisesaal+Küche mit Zeltplatz usw. – sind gerade noch 3 verblieben: Bad Goisern, Deutschfeistritz und Burg Finstergrün.
Aber der Pachtvertrag für die Burg wird nicht mehr verlängert werden – dieses wunderbare „Haus“ wird verkauft…
Spannend wäre es jetzt zu fragen: wie wird die Geschichte wohl enden?
Aber das wissen wir ja: das Evangelische Jugendwerk (heute: Evangelische Jugend) konnte die Burg kaufen und bis heute erhalten und gestalten.

Dem 50jährigen Jubiläum widmen wir hier Erinnerungen, Reprisen, Bilder – und vielleicht auch deinen Beitrag!


Manfred Perko
Burgrat

Aufbaulager - macht´s wieder gut!

Meine Burggeschichte begann 1993 mit einem Burgfest-Workshop: Percussionsinstrumente aus „Resten“ bauen. Es folgte 1994 ein Monat Burg als „Guter Geist“ – wo ich die traditionellen Geschlechterzuordnungen im Lungau auf den Kopf gestellt habe: „Eine Frau in der Werkstatt..., geht das überhaupt????“

Danach Kinderfreizeiten, Jugendfreizeiten, Familienfreizeiten und immer wieder Aufbaulager. Die wunderbare Mischung aus lieben Menschen und gemeinsam für die Burg handwerklich arbeiten hat mich bis heute nicht losgelassen. Auf dem Foto sind die Bettenbauer*innen der ersten Generation – aus von David Rauter vorgefertigten Teilen haben wir mit vielen Mädels ;-) die Betthäupter geleimt, geschliffen, Lattenroste gesägt, geschraubt und alles in der Burg verteilt. Ich kann ganz angeberisch behaupten, bei wirklich allen Betten handwerklich beteiligt gewesen zu sein ;-) Wer all diese Jungspund*innen bei der Arbeit sehen will, da sei das Video vom Bettenbauen empfohlen! https://www.youtube.com/watch?v=HlIG85TOe08

Inzwischen haben Aufbaulager auch ein Fortbildungsprogramm und waren heuer mit fast 40 Teilnehmenden riesengroß: Bäume fällen, Holz machen, Gräben baggern, renovieren, streichen, basteln und 4 Tonnen Schotter mit Küberln in einer Stunde Arbeitszeit bewegen…

Ein Riesendanke, eine so tolle Burgcommunity „an Bord“ zu haben, die die Arbeitshandschuhe, Akkuschrauber und Motorsägen schnappen und in den Lungau reisen.

Eva Pankratz

Summer Of '76

Es war dieser heiße Sommertag im Juli 1976, im letzten Sommer bevor mein „Ernst des Lebens“ beginnen sollte.

Meine Eltern hatten ein Sommerlager auf der Burg Finstergrün für die Pfarrgemeinden Floridsdorf und Leopoldau organisiert, und nun standen wir in einer Gruppe von gut 50 Kindern vor dem vorderen Burgtor und warteten auf den Einlass. Die Fahrt hierher vom Wiener Südbahnhof war zäh, fad und dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Jetzt aber!

Die Aufregung war groß. Schon seit Wochen. Zwei Wochen auf einer echten Burg! Und: Ich hatte Bilder gesehen! Es war ein Traum, der immer wahrer, realer wurde. Burgen waren mir aus Büchern wie „Was ist was“, Märchen oder vom Spielzeug reicherer Kinder bekannt, vielleicht hab ich auch mal einen Kostümfilm, der in einer Burg spielte, im Weihnachtsprogramm in FS2 gesehen. Aber jetzt davor oder gleich drin zu sein. Das war fast zu viel.

Während meine Eltern noch den „CheckIn“ machten, wagte ich mich, meinen kleinen Bruder an der Hand, durch den „Tunnel“ in den zweiten Burghof (heute Leopoldhof). Dabei tat sich uns der imposante Anblick der Burganlage auf. Die Wehrgänge, die hohen, dicken Mauern und die Ruine. Ein überwältigender Anblick den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Mit offenen Mündern standen wir da. Ich weiß nicht mehr was ich damals genau gedacht habe, aber heute würde ich es wohl mit „Bist. Du. Deppat! Unpackbar.“ umschreiben. Ein Gefühl, das mich jedes Mal wieder wohlig überkommt, wenn ich auf die Burg komme. Und es ist ganz seltsam. Auf die Burg kommen ist für mich wie nach Hause kommen. Ein externes, zweites Zuhause, das ich viel zu selten besuche, das mich innerlich - klingt komisch, aber ich finde keinen anderen passenderen Begriff dazu - stolz macht. 

Joachim Hoffleit
Organisationsreferent der EJÖ
j.hoffleit(at)ejoe.at

Mein erstes Burgerlebnis ...

1990 waren wir gerade dabei eine Sommerfreizeit in Kärnten zu planen, als die Hiobsbotschaft "leider Doppelbuchung - ihr könnt nicht kommen" eintraf.
Alles aus?

 Nein - der Beginn einer neuen "großen Liebe", denn auf Burg Finstergrün war zu genau diesem Termin noch ein Trakt frei. Also fuhren wir zum Erkunden in den völlig fremden Lungau. Dort war ich sprachlos - es war tatsächlich eine echte Burg! Am Tor erwartete uns ein gewisser Herr Guggenberger, und die nächsten Stunden bekam ich die Burg ins Herz gelegt. Da und in meinem Leben hat sie seither einen speziellen Platz eingenommen, und aus dieser Erfahrung stammt wohl auch meine Gewissheit: Alles wird gut.
;-)

Burgrätin Lisbeth Bednar-Brandt

Tafelrundenwochenende 2007

Dieses Foto wurde vor 15 Jahren, im Oktober 2007, im Rahmen eines „Tafelrunden-Wochenendes“ aufgenommen. Wie man sieht haben wir dabei ausnahmsweise mal unsere geliebte Burg verlassen, um sie von der Ramingsteiner Felsenpromenade aus bewundern zu können. Dieses Bild zeigt für mich sehr gut ein gewisses Gefühl, das ich auf Burg Finstergrün in den letzten Jahrzehnten immer wieder erleben durfte: Ein unbeschwertes Zusammensein mit Menschen jeden Alters. Ein „sich angenommen und zu Hause fühlen“ in dieser Burgfamilie. Eine wohltuende Wärme, auch wenn die Burg von Schnee bedeckt ist.

Claudia Innerhofer

Dein Beitrag

Schreib uns ein paar Zeilen: eine besondere Erinnerung, ein gewöhnliches oder ungewöhnliches Ereignis, eine Anekdote, irgendetwas aus den letzten 50 Burgjahren.
Länge: 50 Worte (oder 100 – wir freuen uns schon auf die nächsten 50 Jahre!).
Am besten hängst du auch ein Foto dazu, und nennst das Jahr deiner Erinnerung!

Bitte teile uns mit wie dein Beitrag veröffentlicht werden soll:

  • anonym (na geh, warum eigentlich?)
  • mit Initialen
  • mit Namen
  • zusätzlich mit Mailadresse (falls jemand dich – vielleicht nach langer Zeit? – kontaktieren möchte).

Alle Beiträge zum Gegenlesen (Länge, Nettiquette,…) an m.perko(at)burg-finstergruen.at.

Wir freuen uns auf viele lebendige Erinnerungen!


Manfred Perko
Burgrat

Ein Beinbruch ist kein Beinbruch.

Wir schreiben das Jahr 1978.
Bei einem spaßhaften Gerangel auf der Wiese breche ich mir den Knöchel.
Krankenhaus Tamsweg – 16Bett-Zimmer. Lauter verletzte Männer - aber die meisten mobil und fidel.
Nach dem Frühstück werden Wurstsemmeln und Hopfengetränke besorgt, und es geht gemütlich zu. Zwischendurch kommt eine Schwester: „Gleich ist Visite, räumts die Flaschen weg“ – aber die Unterbrechung ist nur kurz. Irgendwann laden mich meine Bettnachbarn zum „Watten“ ein – neu für mich, aber schnell gelernt.

So sorgt ein Beinbruch für erweiterte Kartenspielkenntnisse.  Und später mein Zimmer im 6.Stock im Turm für Krückentraining auf der Wendeltreppe.

Manfred Perko

Grußwort Gerhild Herrgesell

Als evangelisch sozialisiertes Kind in der oststeirischen Diaspora war es meinen Eltern ein großes Anliegen, dass ich - ab Schulbeginn - jeden Sommer auf „Ferienlager“ fahre. Dabei habe ich viele Orte und viele Menschen kennengelernt - jedoch nie DIE BURG. Warum das so war habe ich nie herausgefunden, ich hörte jedoch immer davon und so wurde sie mein Sehnsuchtsort. 

Erst viel viel später konnte ich endlich hin und sie ergehen (mich vergehen und verirren), spüren (es ist ja eigentlich meistens kühl), riechen (den Duft aus der Küche) und spüren (es gibt ja doch einige Ecken und Kanten, die dem Kopf manchmal im Weg sind). Ich bin froh, dass mein Weg mich seither oft ins obere Murtal führt. Ganz besonders freut mich, dass auch meine Kinder und Enkelkinder, die die Burg im Gegensatz zu mir schon als Kleinstkinder kennengelernt haben, sie lieben und sich immer wieder wünschen hinzufahren.

Ich habe mich als zuständige Oberkirchenrätin stets dafür eingesetzt, dass wir dieses Juwel erhalten und unsere Burg noch vielen Generationen als identitätsstiftender Ort zur Verfügung steht. Ich bedanke mich auch herzlich bei allen, die seit vielen Jahrzehnten dafür beitragen, dass es sie in unserem Besitz gibt und wir sie weiterbetreiben und erhalten. Alles Gute weiterhin!

Oberkirchenrätin Gerhild Herrgesell
gerhild.herrgesell(at)evang.at

Grußwort Bettina Növer

Die Burg Finstergrün kenne ich persönlich schon länger als mir die Existenz der EJÖ bewusst ist. Zum ersten Mal habe ich die Burg auf YouTube gesehen, weil ich Abonnentin des Funk-Formats „DSDN“ (www.youtube.com/c/Dasschaffstdunie) bin; schon seit längerem… ich bin quasi mit den Hosts gemeinsam gealtert. Innerhalb einer Challenge-Folge war dort die Burg Finstergrün mit ihren vielen kreativen Versteckmöglichkeiten zu sehen. Als ich dann später mitbekam, dass zur Evangelischen Jugend in Österreich auch diese besagte Burg gehörte, war ich fast ein bisschen „starstruck“. Welch ein Privileg, an so einer schönen Location arbeiten und mit jungen Menschen coole Erlebnisse teilen zu dürfen!

Im Laufe meiner ersten Monate bei der EJÖ nahm ich wahr, wie identitätsstiftend und wichtig für den eigenen Glaubensweg die Burg für so manch eine*n in der Jugend ist. Sie fasziniert und regt zur Mitarbeit an. Viele junge oder mittlerweile bereits auch mittelalte Menschen haben ihr Herz an die oder gar auf der Burg verloren, bezeichnen sich stolz als Burgler*innen. Das mitzubekommen, ist anrührend zu sehen und so bin ich wirklich neugierig darauf, diese im wahrsten Sinne des Wortes filmreife Location diesen Spätsommer zu Gesicht zu bekommen; die Burg dann endlich einmal live und in Farbe zu erleben. Für mich wird sie dann ein lebendig gewordenes YouTube-Video sein mit einer tragenden Gemeinschaft, die das Gebäude und die Menschen in ihm hegt und pflegt.

Allen, die dort arbeiten und sich auf so viele unterschiedliche Arten und Weisen mit ihren Gaben einbringen, wünsche ich von Herzen gutes Gelingen und Gottes Segen für ihr Tun.

Auf die nächsten 50 Jahre evangelische Burg Finstergrün im Lungau!


Bettina Növer, Bundesjugendpfarrerin EJÖ
b.noever(at)ejoe.at
@die_jugendpfarrerin

Grußwort Dominik Knes

Ich hab die Burg Finstergrün zum ersten Mal mit 30 Jahren betreten – damals noch recht frisch in meiner neuen Position als Diözesanjugendreferent.

In meinen ersten Monaten im neuen Job wurde mir nämlich häufig gesagt, dass die Diözese Steiermark auch die Burg Finstergrün umfasse (obwohl sie zum Bundesland Salzburg gehört), und dass die Burg somit noch zu meinem Einsatzgebiet gehöre. Ich habe die Botschaft hinter den Zeilen verstanden und mich alsbald via Bahn auf den Weg zur Burg gemacht.

Als ich durch das Burgtor schließlich in den Leopoldhof vordrang war mir sofort klar, warum so viele Evangelische von dem Ort schwärmen. Alles ist verwinkelt, nichts ist gerade. Jede Tür ist anders und jeder Gang hat mich in neue mir unbekannte Räume und Stockwerke geführt. Phantastisch!

Mittlerweile bin ich ein Burg-Fan und etwa drei Mal pro Jahr dort im Einsatz. Bei Freizeiten, Besprechungen oder Schulungen. Und ich bin gern dort.
Außerdem muss ich eines gestehen: wenn mich andere Jugendorganisationen fragen, was wir so zu bieten haben, sage ich nicht ganz ohne Stolz: „Wir haben eine echte Ritterburg, und ihr so?“

Dominik Knes, Diözesanjugendreferent Evangelische Jugend Steiermark
d.knes(at)ejstmk.at

Erinnerungen an den Kauf der Burg Finstergrün

Ich war von 1959 bis 1979 jeden Sommer auf der Burg, als Teilnehmer der damaligen Mitarbeiterfreizeiten, als ehrenamtlicher Burgvogt und schließlich ab Jänner 1972 in meiner Funktion als Geschäftsführer des  Evangelischen Jugendwerks in Österreich.

Oftmals war ich auch Gast der gräflichen Familie Szápàry in der Prem. So ist es nicht verwunderlich, dass ich schon bald von den Burg-Verkaufsplänen und von den Interessenten-Führungen durch Prinz von Hessen (Schwiegersohn von Bela Graf Szápàry) erfahren habe. Bald war auch klar, dass ein amerikanisches Ehepaar die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaute Burg und die seit dem Waldbrand von 1841 noch bestehende Ruine vom Lungau in die USA transferieren wollte. Im Sommer 1972 war sicher, dass dem Jugendwerk der Pachtvertrag aus 1949 gekündigt werden wird.

Die Ständige Vertretung (heute: JULÖ – Jugendleitung für Österreich) der Jugendkammer (heute: JURÖ – Jugendrat für Österreich) war entsetzt. Die damaligen Mitglieder waren der Vorsitzende Dr. Johannes Dantine (Pfarrer in Wien-Gumpendorf und Delegierter der Jugendarbeit Wien), Ingrid Gaisrucker (Sekretärin der Jugendarbeit NÖ, später  Religionsprofessorin in Wien), Martin Mericka (Delegierter der reformierten Jugendarbeit) und meine Wenigkeit. Ebenso entsetzt waren Bürgermeister Krawanja und alle Ramingsteiner Gemeindevertreter. Krawanja war es, der mich auf die Idee des Burgkaufes gebracht und dafür seine und die Unterstützung der Salzburger Landesregierung in Aussicht gestellt hat. Sehr bald hat sich auch Dipl.Ing. Walter Schlegel, der Salzburger Landeskonservator, gemeldet und mitgeteilt, dass ein Transfer der Burg vom Bundesdenkmalamt niemals genehmigt würde.

Die Planung des Kaufes wurde schon im August 1972 begonnen: Wie können wir die Finanzierung sichern? Viele haben uns geholfen: Die Gemeinde Ramingstein, die Salzburger Landesregierung, Dipl.Ing. Schlegel sicherte regelmäßige Subventionen für Dachsanierungen zu, die Konferenz der deutschen Landesjugendpfarrer, der spätere Bischof Mag. Dieter Knall, damals im deutschen Gustav-Adolf-Werk in Kassel, Ministerialrat Dr. Günther Sagburg, Leiter der Kultussektion im Unterrichtsministerium (er war auch Präsident der Generalsynode der Evangelische Kirche A.u.H.B.), der zuständige evangelische Pfarrer von Murau und der zuständige steirische Superintendent.

Schlussendlich war ein Finanzierungsplan aufgestellt: das Jugendwerk  finanziert den Kauf und die später notwendigen Investitionen aus den jährlichen zweckgebundenen Subventionen des ministeriellen Bundesjugendplans, aus dem anstehenden Verkauf des im Besitz des Jugendwerkes stehenden Jugendfreizeitheimes Steindorf (mit dem Wegfall des frei zugänglichen Strandbades der Gemeinde Steindorf waren dort keine Sommerlager mehr möglich) und mit einem Kredit der damaligen CA-BV-Bank. Zusätzlich waren ein Bauzustandsgutachten und eine Auflistung zukünftig notwendiger Arbeiten zu erstellen. Hier haben die Architekten Dipl.Ing. Helmar Zwick und Dipl.Ing. Horst Gaisrucker (der Mann von Mag.theol. Ingrid Gaisrucker) viel geholfen und der von Zwick vermittelte Bausachverständige Ing. Hans Huemer aus Salzburg hat das Gutachten erstellt.

Die wegen der Belegerweiterung zusätzlich notwendigen Möbel, das Geschirr und alles weitere waren durch die damals im Gang befindliche Auflösung der zuletzt noch vorhandenen Jugendfreizeitheime Steindorf, Gosau und Mühlbach am Hochkönig vorhanden. Auf Empfehlung unserer Architekten verblieben dem Jugendwerk von den nach dem Zweiten Weltkrieg betriebenen fast zwanzig Heimen nur noch Deutschfeistritz, Bad Goisern (Zwick plante die Zentralheizung und den später gebauten Erweiterungsbau) und eben die Burg Finstergrün.

Nach Vorlage all dieser Unterlagen genehmigte die Jugendkammer die Kaufabsicht, und die Verhandlungen mit Bela und Jolantha Szápàry konnten beginnen. Am 15. Dezember 1972 wurde der Kaufvertrag abgeschlossen. Nachdem das Jugendwerk seit 1961 Körperschaft Öffentlichen Rechtes war bedurfte es keiner Zustimmung des Oberkirchenrates, was jahrelange Konflikte mit Bischof Oskar Sakrausky und einzelnen Mitgliedern der Generalsynode zur Folge hatte. Fälschlicherweise wurde mir immer wieder vorgeworfen, den Betrieb der Burg mit Geldern aus den OKR-Subventionen für die Gehälter der Angestellten der Geschäftsstelle des Jugendwerkes zu finanzieren. 1977 gab ich auf und willigte meiner Dienstauflösung zu. 1978 und 1979 machte ich noch den Burgvogt und im Auftrag von Architekt Zwick die Bauaufsicht. Der Oberkirchenrat versuchte in den Jahren 1977 bis 1979,  zum Glück vergeblich, die Burg zu verkaufen.

Zusätzlich Konflikte gab es im 1. Halbjahr 1973 mit der gräflichen Familie. Es stellte sich nämlich bald heraus, dass nicht nur Gegenstände aus den bislang privat genutzten Räumen, sondern auch denkmal-geschützte und niet- und nagelfeste Gegenstände wegeschafft werden sollten. Unser Rechtsanwalt Dr. Fritz Sauermann und das Bundes-
denkmalamt mussten einschreiten. Ergebnis: verbleiben mussten alle Butzenscheiben, der gusseiserne Renaissance-Ofen im Speisesaal (das wertvollste Stück in der Burg), alle Kachelöfen, das gotische Taufbecken im Eingangsbereich (das aus Paderborn stammende Taufbecken im zweiten Hof durfte verkauft werden), die gotischen Kruzifixe im ersten Hof und im Rittersaal und die gotischen Madonnen, eine am Gang zum Zwischentrakt und eine im Rittersaal. Unerklärlicherweise veräußerte Franz Schlacher, einer meiner Nachfolger, in den 90ziger Jahren diese Kunstgegenstände. Es verblieben nur die Öfen, die Butzenscheiben und der gotische Kasten im Rittersaal.

Im Frühjahr begannen unsere Ausräum- und Einrichtungsarbeiten. Die gräfliche Familie hat nämlich nur mitgenommen, was ihr jetzt noch wichtig war, z.B. die Jagdtrophäen. Unzählige alte Sachen aus dem Keller, der Werkstatt, dem Stall, der Wagenremise und auch manches aus den bislang privat genutzten Räumen mussten wir wegschaffen oder verbrennen. Und wir mussten Gegenstände für die Verdoppelung der Bettenanzahl aus den aufgelassenen Heimen aufstellen und einräumen. Unzählige LKW-Fahrten waren notwendig, um alles aufzuladen und auf Finstergrün abzuladen.  Geholfen haben meine Frau, HTL-Prof. Gerd Zetter und Pfarrer Klaus Schacht (beide damals noch Studenten), Mitglieder aus der „Jungen Gemeinde“ vom Pfarramt Wien-Neubau (meine Frau und ich haben den Kreis ehemals geleitet) und Ramingsteiner Bürgerinnen und Bürger, darunter Herr und Frau Hubmann (unsere ersten Hausmeister). Mit Hilfe und Ratschlägen von zwei Ramingsteiner Gastwirten und von Bäckermeister Hochleithner aus Tamsweg haben wir den gesamten Wareneinkauf auf Großlieferungen, insbesondere der damals noch existenten Firma Julius Meinl AG, umgestellt. Über das Arbeitsamt Tamsweg wurde das Küchen-, Servier- und Reinigungspersonal eingestellt und der pensionierte Ramingsteiner Postmeister Franz Dornauer übernahm die bislang gräflichen Burgführungen.

Und dann konnten die ersten Sommerlager auf der für uns „geretteten“ Burg beginnen. 1973 war die Burg nur neun Wochen belegt. Ab 1974 konnte die Belegung sukzessive von Mai bis September ausgeweitet werden, insbesondere durch Schullandwochen. 1973 und 1974 hat meine Frau ehrenamtlich mitgearbeitet, von 1975 bis 1979  war sie zwischen vier und fünf Sommermonate als Wirtschaftsleiterin angestellt.

So begannen die bisher ersten fünfzig Jahre erfolgreiche Freizeitarbeit auf der jetzt jugendwerkseigenen Burg Finstergrün.

Kurt Schlieben